Eine Branche im Umbruch – der Journalismus steht vor völlig neuen Herausforderungen

Dem Journalismus heute geht es schlecht. Der Verlust des Gatekeeper-Monopols, Fake News, Filterblasen und die zunehmende Konkurrenz durch neue Foren der Kommunikation in den Sozialen Medien bilden eine gefährliche Melange, die der Glaubwürdigkeit der traditionellen Medienmacher mehr und mehr zusetzt. Wie kann aber die Branche den aktuellen Entwicklungen entgegenwirken. Und, vielleicht noch wichtiger: Wie kann sie das Vertrauen der Rezipienten zurückgewinnen?

Der Wandel der Medienlandschaft ist dabei keineswegs ein neues Phänomen, der Abwärtstrend (gedruckter) Medien, was Auflage und Umsätze angeht, setzte bereits vor rund einem Jahrzehnt ein. Für Redaktionen wird es zunehmend schwerer, die Aufmerksamkeit der Rezipienten zu gewinnen Auch die Zahlungsbereitschaft für journalistische Angebote ist nicht so groß, wie sie sein müsste, um unabhängigen und objektiven Journalismus wirklich dauerhaft rentabel zu machen. Zeitgleich waren die technischen (Kommunikations-)Möglichkeiten noch nie so vielfältig wie heute, aber genauso gab es noch nie so viele Gelegenheiten für Menschen, sich abzulenken. Bei der Wahl zwischen Entertainment und Information entscheidet sich ein großer Teil der Rezipienten dabei eher für die Ablenkung als für das Wissen. Und die Konkurrenz, besonders im Netz, wird immer größer. Außerdem ist es heute jedem Inhaber eines Accounts auf Social-Media-Plattformen möglich, Content zu veröffentlichen – egal, ob dieser Content gut oder schlecht, korrekt oder eben nicht korrekt ist: Der Journalismus hat das Gatekeeper-Monopol verloren und ist nicht mehr Herr darüber, was veröffentlicht wird. Nachrichten werden zudem immer schnelllebiger, bedingt durch die Echtzeitigkeit des Internets hat sich ein extremer Aktualitätsdruck entwickelt.

Aus diesen strukturellen Veränderungen resultieren für die Branche auch inhaltliche Probleme. Die Fake-News-Debatte hat zu einem großen Vertrauensverlust der Rezipienten beigetragen, was Fact-Checking immer wichtiger werden lässt. Entwicklungen wie KI (künstliche Intelligenz) und Big Data verunsichern die Nutzer aber zunehmend, wenn es um die Verwendung ihrer Daten geht. Außerdem entstehen besonders im Internet innerhalb sozialer Plattformen vermehrt Filterblasen beziehungsweise Echokammern. 
In einem Interview spricht etwa der Tübinger Medienprofessor Bernhard Pörksen über die Zukunft der Branche und konstatiert ein „fehlendes gesellschaftliches Bewusstsein für den Wert des Journalismus“. Es sei deshalb für diesen Berufszweig wichtig, alles zu unternehmen, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen und das Vertrauen der Rezipienten wiederzugewinnen. 
Was aber sind nun die größten Probleme des Journalismus? Folgen Sie den Pfeilen!

Generation Netflix

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Entertainment und Streaming-Dienste werden zu einer immer bedrohlicheren Konkurrenz für den Journalismus. Gerade in der jungen Generation hat in Deutschland nahezu jeder ein Abonnement bei Netflix, Amazon Prime, Spotify oder DAZN – und für ein Zeitungsabonnement reicht das Budget dann häufig nicht mehr aus. Eine Studie des Max-Planck-Instituts, die sich mit dem Thema „soziale Beschleunigung“ befasste, wies eindrucksvoll einen Zusammenhang zwischen der sinkenden  Aufmerksamkeitsspanne der Gesellschaft und der zunehmenden Informationsflut nach. Die Online-Studie von ARD und ZDF wiederum belegte 2018, dass die Nutzung von Video-Streamingdiensten immer stärker ansteigt. Besonders die junge Generation konsumiert mehr Online-Bewegtbildinhalte, wobei dieser Konsum bereits die Nutzung des linearen Fernsehens überschritten hat. Bisher heißt es in der Branche gebetsmühlenartig, gute Inhalte würden sich schon durchsetzen. Aber das klingt verdächtig nach dem berühmten Pfeiffen im Wald. Denn was geschieht, wenn das Interesse an publizistisch wertvollen Inhalten immer mehr zurückgeht? Frank Diering sagt dazu:

„Aufmerksamkeit wird in den nächsten Jahren die zentrale Währung“. Diering ist ehemaliger Journalist und derzeit als Manager für Editorial Concepts & Training bei der „Welt“ in Berlin tätig. Ein möglicher Ansatz, auch die junge Generation zuverlässig zu erreichen wäre es etwa, journalistische Inhalte beispielsweise via VR (Virtual Reality) interaktiver zu gestalten. Doch diese Art der Gamification birgt auch Gefahren: Es ist im  (Qualitäts-)Journalismus ein schmaler Grat, wenn versucht wird, harte Nachrichtenereignisse interaktiv darzustellen. Zunächst, so scheint es, bleibt der Branche nur, auf qualitativ hochwertigen Content zu setzen.

Künstliche Intelligenz und Big Data im Journalismus

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„Denken können Maschinen bis heute nicht“ – sagte Jan Rähm kürzlich im Deutschlandfunk. Rähm ist Wissenschafts- und Technikjournalist in Berlin und beschäftigt sich intensiv mit Themen wie KI. Wenn diese KI (künstliche Intelligenz) im Journalismus eingesetzt wird, dann dient sie dazu, Informationen aus Daten zu extrahieren, zu verarbeiten und schließlich Texte zu erstellen. Schon heute werden Sportberichte, Wirtschaftsnachrichten oder Wetternews autonom von Computern produziert. Auch in Bezug auf die Recherche ist KI hilfreich für den Journalisten. Spezielle Algorithmen durchsuchen hier enorme Datenmengen nach nützlichen Informationen oder Zusammenhängen. Die Nutzung dieser riesigen Datensätze wiederum firmiert unter dem Stichwort Big Data.

Neben vielen Vorteilen wie etwa der Entlastung der Journalisten gibt es aber auch Gefahren, die KI und Big Data mit sich bringen. „Wenn der Computer falsche Daten bekommt oder die richtigen Daten zum falschen Zeitpunkt, dann entstehen falsche Texte“, warnt Rähm. Zudem kann KI auch missbraucht werden, um interessengeleitet Einfluss auf Recherchen oder Berichterstattungen zu nehmen. So wurden im letzten Präsidentschaftswahlkampf in den USA zahlreiche Fake News maschinell generiert und verbreitet. Zudem birgt die extreme Filterung von Inhalten oder die Personalisierung von Content die Gefahr, dass Filterblasen entstehen, die  die Meinungsvielfalt einschränken.
Um jede Form von KI weiterzuentwickeln, ist darüber hinaus ein steter Strom von immer mehr Daten notwendig – was automatisch heißt, dass Menschen auch immer mehr Daten über sich preisgeben müssten.

Aber immerhin: Da KI oder Maschinen ohne Anweisungen, Formulierungshilfen oder Programmierungen nicht dazu fähig sind, eigene Kreativität in Texte einfließen zu lassen, werden sie Journalisten vorerst nicht ersetzen können. Dennoch gilt, dass der Umgang mit neuen Technologien auch im Journalismus aufmerksam betrachtet werden sollte. 

Fake News - Eine Gefahr für den freien Journalismus

Da der Berufsstand des Journalisten nicht geschützt ist, darf sich jeder, der das gerne möchte, als Journalist bezeichnen und Informationen verbreiten. Dazu kommt eine immer ausgeprägtere Kommerzialisierung und Konzentration von Medien, das heißt, die Medienlandschaft wird von immer mächtiger werdenden einflussreichen Medienkonzernen geprägt. Zusätzlich gibt es eine steigende Anzahl von Informationskanälen, die ihre Inhalte an den Erwartungen ihrer Rezipienten ausrichten. Diese Trends führen zu zunehmender Verwirrung vieler Mediennutzer, die Züge einer Informationskrise trägt. Auch das Phänomen „Fake News“ hat hier seinen Ursprung. Fake News sind in den Medien, besonders in Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen, die gezielt lanciert werden, um das öffentliche Meinungsbild zu beeinflussen.

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Die Akteure sind hier interessengeleitete Medienunternehmen oder auch Einzelpersonen („Trolle“), die öffentliche Diskussionen gezielt stören und mit provokativen Beiträgen für Verunsicherung sorgen. Genauso aber finden sich Social Bots, also Computerprogramme, die menschliche Nutzer imitieren und automatisiert Fake News verbreiten können. 

Laut einer aktuellen Studie sind rund 38 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass die Medien „unter politischem Einfluss“ stehen und von staatlichen Stellen Vorgaben für die  Berichterstattung erhalten – eine erschreckend hohe Zahl für ein demokratisches Land, in dem die Pressefreiheit Verfassungsrang besitzt.
Doch was kann der Journalismus tun, um gegen Fake-News vorzugehen und die Vorwürfe zu widerlegen? Die ARD beispielsweise hat das Onlineportal „Faktenfinder“ gegründet und will so Falschmeldungen, die im Internet kursieren, sammeln und aufdecken. Außerdem gilt bei qualitativ hochwertigen Medienmarken der sogenannte „Double-Check-Standard“. Das bedeutet, dass mehrere verlässliche und seriöse Quellen zur Überprüfung von Fakten genutzt werden, bevor diese veröffentlicht werden.

Zusätzlich gibt es den vom deutschen Presserat herausgegeben Pressekodex, an den alle (professionellen) Journalisten gebunden sind. Dieser Kodex verpflichtet dazu, die Wahrheit zu achten, die Würde anderer Menschen zu wahren, gründlich zu recherchieren, Privatleben und Intimsphäre von Personen, über die berichtet wird, nicht zu verletzen und vieles mehr. Auch die Wahrung von Transparenz in jeder Phase der Recherche und Veröffentlichung ist wichtig, um Vertrauen zu generieren und Glaubwürdigkeit zu schaffen. 
Zunehmend wird darüber hinaus mit Algorithmen gearbeitet, die große Datenmengen – Stichwort Big Data – analysieren und auswerten und bestimmen können, ob ein bestimmter Informationsgehalt „Fake News“ ist – oder eben nicht. 

Filterblasen - Gefährlich oder hilfreich?

Gerade im Zusammenhang mit Social Media ist immer wieder von Filterblasen die Rede. Doch was ist das eigentlich genau? Das Wort „Filterblase“ kommt aus der Medienwissenschaft und beschreibt die selektive Informationsauswahl auf Webseiten, wobei die Anbieter das vorherige Verhalten der Nutzer berücksichtigen. Diese Auswahl erfolgt durch Algorithmen: Inhalte, die nicht dem individuellen Nutzerverhalten entsprechen, werden schlicht nicht präsentiert.

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Das hat den Vorteil, dass dem User irrelevante Inhalte gar nicht erst ausgespielt werden. Allerdings werden ihm auch vermeintlich weniger Informationen vorenthalten. An dieser Stelle entsteht die individuelle Filterblase. Dieser Effekt wird vor allem durch die Sozialen Medien verstärkt, kann aber auch im private Umfeld entstehen: Der Einzelne bekommt nur noch das zu lesen, was den eigenen Interessen oder (politischen) Einstellungen entspricht oder er umgibt sich nur mit Menschen, die größtenteils die gleichen Meinungen vertreten. Aber auch Verlage filtern ihre Inhalte für die User. Das hat einen großen Einfluss auf die Meinungsvielfalt und -bildung.

Was kann also getan werden, um die Entstehung einer Filterblase zu vermeiden und für einen offenen Austausch von Inhalten zu sorgen? „Es müssen so viele unterschiedliche Informationen wie möglich angeboten werden, damit es eben nicht zu einer Filterblase kommt. […] Facettenreichtum muss gegeben sein“, betont etwa Frank Diering, Manager Editorial Concepts & Training bei der „Welt“. Er sagt aber auch: „Meine Aufgabe als mündiger Mensch ist, mich umfangreich zu informieren, wenn ich durch die Welt laufe. Und ich kann überhaupt nicht verstehen, dass jemand nur noch in seiner Facebook- oder Instagram-Timeline unterwegs ist, ohne andere Quellen anzuschauen, wenn man sich über die Welt informieren will. […] Wir haben das Glück, die Ehre und das Privileg in einem Land zu leben, in dem demokratische Grundrechte vom Staat garantiert werden“, so Diering weiter. „Wer sich in seiner Bubble nicht langweilt, hat in meinen Augen ein Problem“. 

Entscheidend ist es also, verschiedene Meinungen zuzulassen und so wenig private Informationen wie möglich preiszugeben, um dem Effekt der Filterblase entgegenzuwirken und so zu verhindern, dass der Mediennutzer als Einzelperson sich bewusst oder unbewusst ausschließlich eigene vorgefasste Ansichten bestätigen lässt. 

Maßnahmen zur Gewinnung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Transparenz bei Quellen und Recherche

Kommunikation nach Veröffentlichung - sprich Dialog mit den Lesern

Journalisten müssen sich als Persönlichkeit zeigen, bzw. zu einer Marke werden

Publikum kennen und verstehen sowie Bedürfnisse beachten

Möglichkeiten für Fact-Checking liefern

Qualität statt Echtzeitigkeit

Journalistische Standards achten (Integrität, Ehrlichkeit, ausführliche Recherche)

Von Anika Piesche & Alina Völz

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Studiengänge:

Journalismus

Medienmanagement

Kommunikationsdesign

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