Die Kraft der sprechenden Bilder

2012, irgendwo in Haiti. 20, vielleicht fast 30 Männer stehen um ein paar Quadratmeter festgestampften Lehmboden. In ihrer Mitte: Zwei stolze Hähne, prächtig anzuschauen in ihrem bunten Federkleid. Die Männer sind aufgeregt, sie schwatzen durcheinander, viele halten Geldscheine in der Hand. In wenigen Augenblicke wird der Hahnenkampf beginnen. Unter den Zuschauern steht Sebastian Löscher aus Berlin. In der Hand hält er einen Stift und ein Skizzenbuch. Lörscher ist Illustrator – und Comic-Journalist.

Hier in Haiti unterrichtet er Englisch und Zeichnen an der Schule – und nutzt seinen Aufenthalt, um in dem noch immer vom schweren Erdbeben 2010 gezeichneten Land auf Reportage-Tour zu gehen. Anders als andere Journalisten, die mit ihren teuren Kameras um den Hals von den Einheimischen misstrauisch beäugt werden und als „Bilderdiebe“ verschrien sind, die Fotos von Armut und Zerstörung für teures Geld an internationale Magazine verkaufen, ist Lörscher mittendrin. Die Leute bleiben stehen, wenn er am Straßenrand steht und zeichnet, sie schauen ihm über die Schulter auf seinen Block, sprechen ihn an. „Ich hoffe, Du findest auch andere Bilder als nur die Armut in unserem Land“, sagt einer. Es ist dieses Zitat, an das sich 

Lörscher auch Jahre später noch erinnert.

Lörschers Zeichnung von durch das Erdbeben zerstörten Hütten auf Haiti

Die Zeichnung des Hahnenkampfs

„Man konnte den Kampf der Hähne gar nicht so schnell zeichnen, wie sie sich bewegt haben, aber letzten Endes ging es mir mehr um die Lebendigkeit der Zeichnung“, erinnert sich Lörscher heute. „Wenn Du vor Ort, auf einer Reportagereise Fehler bei der Zeichnung machst, dann musst du eben damit leben.“ Ein Comic-Journalist ist wie ein „Künstler, der mehr weiß, als er glaubt zu wissen“. Was er schafft ist viel mehr, als nur eine Zeichnung oder eine Folge von Bildern, es entstehen Abbildungen von Geschichten, die eine ganz eigene Tiefe und Wahrhaftigkeit haben (können). Fotos halten die Wirklichkeit fest, wie sie sich für den Sekundenbruchteil der Belichtung darstellt. Zeichnungen aber können einen ganz anderen Zugang zu eben dieser Wirklichkeit finden, ist Lörscher überzeugt.

Eine weitere Stärke des Comic-Journalismus liegt darin, spröde oder komplexe Inhalte auf eine ganz eigene, einfach konsumierbare Art und Weise zu vermitteln. Das erleichtert auch den Zugang zu Rezipientenschichten, die ansonsten vielleicht eher wenig klassische (Print-)Medien konsumieren oder die beispielsweise kein Deutsch sprechen. Ein Beispiel dafür ist etwa das „Alphabet des Ankommens“, das die Bundeszentrale für politische Bildung 2017 zusammen mit dem Deutschen Comic Verein veröffentlichte: In Comicform verfasste Berichte über den Alltag von Geflüchteten in Deutschland.

Doch solche Beispiele für Comic-Journalismus sind hierzulande selten, Zeichnungen erscheinen zumeist als Karikaturen oder als unterhaltsame Kurzstrips auf den Rätselseiten. Ganz anders stellt sich das im Ausland dar. Insbesondere Frankreich oder die USA haben eine lebendige und traditionsreiche Comicszene, die Berührungspunkte zum Journalismus nicht scheut. Eines der berühmten Künstler ist Riad Sattouf, der immer wieder für seine Arbeiten ausgezeichnet wurde. Jahrelang lieferte er zwischen 2007 und 2012 immer neue gezeichnete Details aus „La Vie secrete des jeunes“, also dem geheimen Leben der Jugend, die schließlich in drei Bänden publiziert wurden. Auch in der Sonderausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die nach dem Mordanschlag auf die Mitarbeiter erschien, findet sich ein neuer Streifen dieses in hartem Jugendslang verfassten Comics mit der Signatur Riad Sattoufs. Ein bekanntes Werk ist auch „Der Araber von Morgen“, das sich in Frankreich rund 150.000 mal verkaufte.

Riad Sattouf mit seinem Buch „Der Araber von morgen.” 
 

In Comic-Nationen wie Frankreich sind solche Reportagen schon länger etabliert. Doch auch in Deutschland gibt es etwas Bewegung, wie beispielsweise die Ausstellung „Zeichen der Zeit“ zeigte, die 2019 Berliner Museum für Kommunikation zu sehen war. Hier wurden Arbeiten ausgestellt, die die Hintergründe internationaler Konflikte ebenso beleuchteten wie den Alltag in Flüchtlingsheimen– und das stets in der ganz eigenen Form des Comic-Journalismus.

Die Geburtsstunde

    Abbildung des Zeichners Richard F. Outcault 

Dabei hat der Comic eine lange Geschichte. Sie beginnt mit „Yellow Kid“, dem Jungen mit den Segelohren Eine erste Zeichnung des „Yellow Kid“, geschaffen von Richard F. Outcault, erschien im Mai 1895 in der New Yorker Zeitung „Sunday World“.

Die wesentlichen Zutaten für ein Comic sind dabei Sprechblasen und Rahmen (Panel) sowie natürlich die, sequenziellen Bilderfolgen. Vieles davon geht aber noch wesentlich weiter zurück. Ein Vorläufer der sequenziellen Bilderfolgen findet sich etwa schon im Mittelalter. In Bayeux im Nordwesten Frankreichs hängt zum Beispiel der berühmte, etwa 70 Meter lange Wandteppich, der die Eroberung Englands durch die Normannen darstellt und leicht als früher Comic zu interpretieren ist.

Bereits im Mittelalter wurden Geschichten in Bildern erzählt 

Doch zurück in die jüngere Vergangenheit. Der Zeichner Rodolphe Töpffer aus der Schweiz verwendete die charakteristischen Panelrahmen beispielsweise schon 60 Jahre vor dem „Yellow Kid“, und auch bei Wilhelms Buschs Werk „Max und Moritz“, das 1865 erschien, denkt man unweigerlich an Comics.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind Comics dann fast ausschließlich in Zeitungen erschienen. Neben „Yellow Kid“ prägten zahlreiche andere Strips das Genre, darunter die „Katzenjammer-Kids“ von Rudolph Dirks oder „Krazy Kat“ von George Herriman. Ende der zwanziger Jahre druckten die Verlage dann die ersten Comic-Hefte. So erschienen die ersten Comic-Abenteuer des Dschungelhelden „Tarzan“ erstmals am 7. Januar 1929. 

Vom Comic zum Journalismus

Bis die Kunstform des Comic Eingang in den modernen Journalismus fand, sollten aber noch einige Jahrzehnte vergehen. Als einer bekanntesten Comic-Journalisten gilt inzwischen der gebürtige Malteser Joe Sacco, der auch als Begründer des Comic-Journalismus bezeichnet wird. Typisch für ihn sind seine Comic-Reportagen, Zu sein bekanntesten Werken gehören „Palestine“ (1996) und „Safe Area Gorazde“ (2000). Zu den bekannteren Vertretern des Genres zählt auch Patrick Chappatte, der unter anderem für die „NZZ am Sonntag“, „Le Temps“ und die „International New York Times“„Death in the Field“ (2011). Im deutschsprachigen Raum ist Comic-Journalismus dagegen bis heute wenig verbreitet. Eines der wenigen Beispiele ist der Band „Weiße Wölfe“ (2015), Eine grafische Reportage über rechten Terror von David Schraven und Jan Feindt. Oder eben die Werke von Sebastian Lörscher.

Eine der Reportagen Lörschers

Die in seinen Büchern abgedruckten vor Ort entstanden. Das unterscheidet Lörscher von vielen anderen Comic-Journalisten und Illustratoren – viele zeichnen am Schreibtisch, vielleicht nach Skizzen oder Fotos oder aber komplett aus der Erinnerung. Beides hat seine Vor- und Nachteile, findet Lörscher, der aber, das Zeichnen vor Ort einfach für spannender hält.

Diese Zeichnung zeigt eine Demonstration die Menschen gehen so schnell vorbei, dass nur ihre Silhouetten zu erkennen sind.

Sebastian Lörschers gezeichnete Reportage über Obdachlose in Berlin

Lörscher hat die Protagonisten auf ihren alltäglichen Wegen begleitet.

Daraus entstand der Band mit den Zeichnungen von Obdachlosen,

die ihre Schicksale beschreiben.

Sebastian Lörschen mit seinen Büchern „A Bisserl Weiter Gehts immer (mit dem Skizzenbuch durch das wilde Österreich”, ) “Making Friends” und “Haiti”)

Von Shafa Gulamova

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Journalismus

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