Zukunftsaussichten – was Bürger heute vom Journalismus verlangen

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Fake News, Alternative Fakten, wachsendes Misstrauen: Das sind einige der zahlreichen Probleme, denen sich Journalismus heute stellen muss. Rezipienten werden immer anspruchsvoller – und gleichzeitig fürchtet die Branche ein sinkendes Interesse der Allgemeinheit an klassischen Medien, mit all den bereits zu beobachtenden Folgen für die wirtschaftliche Grundlage von Qualitätsjournalismus. Aber wie tief genau geht diese vermeintliche Glaubwürdigkeitskrise der Medien heute – und was erwarten Rezipienten vom Journalismus von morgen? 

Fact Feeling und Fake News

Längst ist eine Nachricht keine einfache Information mehr. Sie muss sorgfältig recherchiert, in den richtigen Kontext gestellt und dabei möglichst frei von missverständlichen Formulierungen oder subkutanen Implikationen sein. Ein Grund für diese (zu Recht) gestiegene Erwartungshaltung der Rezipienten sind sogenannten Fake News. Wer heute Kommentare auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken liest findet häufig User, die eine interessengelenkte Meinungsverbreitung oder fehlerhafte Informationen bemängeln. Was sich zunächst meist nur auf Kommentare bezog, ist inzwischen längst Bestandteil der herkömmlichen Medienkritik geworden.

Propaganda, Verhetzungen, Lügen: Fake News gibt es schon seit Menschengedenken. Wurden sie ursprünglich eingesetzt, um politische Entscheidungen oder die öffentliche Meinung durch gezielte Falschmeldungen zu beeinflussen, wird der Begriff heute eher mit dem Internet, insbesondere aber mit den sozialen Medien assoziiert. Das Internet mit seiner unüberschaubaren Informationsvielfalt als Raum, in dem jeder vermeintliche Nachrichten oder auch nur Meinungen ungeprüft veröffentlichen kann, ist dabei das optimale Habitat für Fake News. Die Wahl Donald Trumps und der Aufstieg der AFD zeigen, dass bewusst gestreute Falschinformationen letztendlich auch zum Erfolg führen können. Dabei wird beispielsweise dem „Mainstream-Journalismus“ oder auch der „Lügenpresse“ eine heimliche Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen unterstellt oder gar behauptet, dass der Staat den Medien ihre Inhalte vorschreibt. Ihrerseits weisen Kreise, die sich dieser Fake News bedienen, jede Kritik an ihrer eigenen Darstellungsweise vehement zurück. 

Unter dem Strich herrscht längst ein Kampf um die Deutungshoheit, der für Rezipienten nur noch schwer zu durchschauen ist. Welche Nachricht, welcher Zusammenhang ist wahr, welcher vielleicht konstruiert, weil bestimmte Interessen dahinter stehen? Die Medienbranche erlebt die Auswirkungen dieser Auseinandersetzung in Form von sinkenden Auflagen und steigendem Misstrauen, was dazu führt, dass sich viele Journalisten um ihre eigene Glaubwürdigkeit sorgen. Was aber kann der Journalismus tun, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und zu behaupten?

Jay Rosen, ein amerikanischer Journalismusprofessor der New York University, hat den deutschen Journalismus unter die Lupe genommen und seine Erfahrungen in einem Gastbeitrag der „FAZ“ festgehalten. Er rät: „Menschen, die sich übergangen fühlen, sind unempfänglich für komplexe und unbequeme Wahrheiten. Der Punkt ,genauer zuhören‘ sollte deshalb ganz oben auf Ihrer Agenda stehen.“ 

Weiterhin Vertrauen in Öffentlich-Rechtliche trotz Gegenwind

Genauer zuhören, das bedeutet für Journalisten auch, sich mit den Menschen, die immer auch ihre „Kunden“ sind, zu unterhalten und ihre Wünsche für die Zukunft der Berichterstattung, aber auch Kritik anzuhören. Für dieses Projekt haben wir zwei Umfragen durchgeführt, um herauszufinden, wie es denn nun steht um das Vertrauen in den Journalismus und was genau Rezipienten erwarten. 

In der „Langzeitstudie Medienvertrauen“ der Universität Mainz aus dem Jahr 2018 gaben zwar 42 Prozent der Befragten an, sich von den etablierten Nachrichtenmedien nicht mehr richtig repräsentiert zu fühlen – eine Zunahme von fünf Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.

Generell zeigt die Mainzer Studie jedoch, dass sich das Vertrauen in die Medien weiter stabilisiert. Ähnlich wie in den Vorjahren gaben rund 44 Prozent der Befragten an, „den Medien“ zu vertrauen, 22 Prozent widersprachen dieser Aussage. Bemerkenswert ist allerdings, dass der Anteil der Bürger, die sich bei dieser Frage nicht festlegen wollten oder konnten, im Vergleich zu den Vorjahren deutlich geringer ausgefallen ist (34 Prozent 2018 gegenüber 41 Prozent 2017). Das lässt darauf schließen, dass sich viele Menschen angesichts einer polarisierten Debatte dazu veranlasst fühlen, ihrerseits klar Stellung zu beziehen – die Grautöne in der Debatte verblassen, es scheint immer mehr nur noch Schwarz und Weiß zu geben. 
Das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (65 Prozent) war 2018 weiterhin am höchsten, gefolgt von Tages- und Regionalzeitungen. Der Boulevardpresse (6 Prozent) und sozialen Netzwerken (4 Prozent) dagegen wurde wenig Vertrauen geschenkt.

Vergleicht man diese Werte mit der von uns für dieses Projekt durchgeführten Umfrage, an der 40 Personen teilnahmen, zeigen sich Unterschiede, auch wenn es Überschneidungen gibt. Der Anteil der Befragten, die sich bezüglich des Vertrauens in die Medien nicht festlegen wollten oder konnten, erzielt bei uns den höchsten Wert mit 62,5 Prozent. Gefolgt wird diese Kategorie von 22,5 Prozent der Befragten, die den Medien vertrauen, während 15 Prozent dies eben gerade nicht tun. Ein Grund für diese Ergebnisse könnte sein, dass die Umfrage über soziale Medien verbreitet wurde, in denen die Nutzer den klassischen Medien tendenziell kritischer gegenüberstehen als bei anderen Umfrageformen (Telefonumfrage, Straßenumfrage usw.).

Die Ergebnisse in Bezug auf das Vertrauen in die einzelnen Mediensparten deckten sich größtenteils mit dem Ergebnis der Mainzer Studie: Öffentlich-rechtliche Medienformate und Tageszeitungen belegten die ersten beiden Plätze, auf den dritten Rang kamen sogenannte „alternative Medien“ (beispielsweise „KenFM“). Boulevardzeitungen und der private Rundfunk gelten dabei als weniger vertrauenswürdig.

Die Wahrheit im Fokus - was von Journalisten erwartet wird

In unserer Umfrage ging es auch darum, was guten Journalismus ausmacht. Der Wunsch nach der „Wahrheit“ ist in diesem Zusammenhang oft genannt worden: Es scheint, als würden die Rezipienten im heutigen Journalismus die zentrale Tugend der Wahrhaftigkeit und der korrekten Berichterstattung vermissen – ein Befund, der die Branche durchaus alarmieren sollte.

Von großer Bedeutung ist für die Teilnehmer der Umfrage auch sorgsame Recherche. Wer gut recherchiert, ist für mehr als 80 Prozent der Befragten ein guter Journalist. Allerdings wird häufig eine „bessere“ Recherche angemahnt, was impliziert, dass zahlreiche Nutzer mit der bisherigen Recherchearbeit vieler Journalisten nicht zufrieden sind. Als Positivbeispiele werden in diesem Zusammenhang Recherchen des NDR und der „Süddeutschen Zeitung“ zu den Panama-Papers genannt. Weitere Forderungen an „guten“ Journalismus sind Neutralität und Offenheit, nicht oder nur selten genannt wurden journalistische Tugenden wie guter Quellenschutz, Integrität und Furchtlosigkeit vor Konsequenzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Rezipienten von einem Journalisten hauptsächlich zu erwarten scheinen, dass er „ehrlich“ schreibt und viel „recherchiert“ – ohne dass hier weitere Details genannt würden. Das, in Kombination mit einer unparteiischen Grundhaltung, vollendet aus Sicht des Rezipienten den kompletten Redakteur. 

Frei oder nicht frei - das ist hier die Frage

Wer in den alternativen Medien dieses Landes unterwegs ist, der wird häufig auf die Behauptung stoßen, dass unsere Medien unfrei und interessengelenkt seien. Meist zielt dies auf eine angebliche Zusammenarbeit mit dem Staat oder oligarchische Strukturen in der Medienbranche. Solche Einschätzungen finden sich aber beileibe nicht nur in den Weiten des Internets auf dubiosen Plattformen: Auch in unserer Umfrage stimmten 56 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Medien interessengelenkt seien, während lediglich 28 Prozent dieser Behauptung überhaupt nicht zustimmten. Auch bei unserer Straßenumfrage zeigte sich ein ähnliches Bild.

Dieses für die Branche wenig schmeichelhafte Ergebnis lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass wir unsere Straßenumfrage in einem generell eher medienkritischen Umfeld (während einer Demonstration von „Fridays for Future“-Aktivisten) durchgeführt und unsere Umfrage über die sozialen Medien verbreitet haben. 

Allerdings könnte auch die Fake-News-Debatte zum Bild einer interessengelenkten Medienlandschaft beigetragen haben, denkt man etwa an Medien wie „Fox News“, die unverblümt eine bestimmte politische Position einnehmen.

Digital und individuell – so soll Journalismus künftig aussehen 

Abseits der Debatte um Fake News und Nutzervertrauen haben wir in unseren Umfragen auch Hoffnungen und Wünsche für den Journalismus in den nächsten zehn Jahren abgefragt. 

Hier überwiegt die Erwartung, dass ein komplett digital ausgerichteter Journalismus zu erwarten sei. Viele unserer Befragten vermuten, dass sie Nachrichten und auch andere Medieninhalte  in Zukunft wahrscheinlich nur noch per Computer oder Smartphone konsumieren würde. Auch eine maßgebliche Rolle von künstlicher Intelligenz wird dem zukünftigen Journalismus zugeschrieben. 

Am weitesten verbreitet ist aber die Erwartung, dass in Zukunft eine gänzlich individuelle Ausspielung von Inhalten erfolgen wird, beispielsweise mithilfe eines Algorithmus, der das Nutzerverhalten eines Rezipienten erkennt und ihm gezielt Inhalte anbietet. Das ist in Teilen zwar heute schon der Fall, allerdings wird erwartet, dass hier eine rasante Weiterentwicklung erfolgen dürfte.

Unsere Umfragen zeigen, dass ein guter Teil der Rezipienten mit dem Journalismus, wie er im Moment angeboten wird, unzufrieden ist. Gefordert werden mehr Ehrlichkeit und bessere Recherche, weniger Meinungsjournalismus, dafür mehr objektive Fakten. Vor allem die jüngere Generation sieht Defizite in der Berichterstattung. Zu oft, wird kritisiert, erfahren wichtige Themen wie die Klimakrise oder Altersarmut nicht die journalistische Aufmerksamkeit, die sie nach Meinung der User verdienen. Insgesamt also scheint es für die Medien in Zeiten von Fake News und Fact Feeling wichtiger denn je zu sein, den Kontakt zu Lesern und Zuhörern zu intensivieren und auf Probleme und Wünsche einzugehen. Nur dann, so scheint es, kann der Journalismus in den Augen vieler Rezipienten wieder zu dem werden, was er sein soll: ein freies Sprachrohr der Gesellschaft.

Von Marvin Miller & Daniel Hoppmann

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Studiengänge:

Journalismus

Medienmanagement

Kommunikationsdesign

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